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#S21 oder die Vernichtung des öffentlichen Raums

31. Dezember 2019 von H. Wittmann

Die Halle im Stuttgarter Hauptbahnhof ist bis zu ihrer Schließung für mehrere Jahre heute nur noch ein fieser Ort zum schnellen Durchqueren, nachdem dort alle Geschäfte und Bistrots geschlossen worden sind. Drei kleine Läden in an der Wand der zugigen Gleishalle und andere zwischen den Bahnsteigen sollen sie ersetzen. Viele jahrelange Einschränkungen müssen die Reisenden hinnehmen. Riesenumwege, viele Unbequemlichkeiten. Die verwaiste Bahnhofshalle zeigt aber besonders gut und in aller Schärfe, wie perfide die Reisenden missachtet werden. Der Bahnkunde wird zum Objekt, das man auf lange Wege schicken kann. Die langen Tunnel zwischen der Bahnhofshalle zu den Gleisen sind eine Qual für alle, die nicht so gut zu Fuß sind und ein Ärger für alle, die eben mal schnell in die S-Bahn schlüpfen wollen oder ein Taxi, die Tram oder den Bus erreichen müssen. Eine Demonstrantin stand heute an den Gleisen und hält ihr Protestschild in die Höhe.

31 Fotos aus dem Herbst 2019:

Wie alle Fotos auf diesem Blog – soweit sie nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet sind: © Heiner Wittmann

Alle Geschäfte sind geschlossen. Die Halle hat ihre Funktion als öffentlicher Raum der Begegnung und der Kommunikation verloren. Das trifft auch auf den zerstörten Schlossgarten zu wie auf den weit entlegenen Parkplatz – jetzt gibt es ein Parkhaus als Ersatz für den Platz direkt neben der Bahnhofshalle, zu, der es jetzt so schwer macht, die Lieben vom Bahnhof abzuholen oder bei dem Zug abzuliefern.

Es werden sehr beeindruckende meisterhafte Ingenieurstaten vollbracht, viel Beton in den einstigen Schlossgarten gegossen, mehr als 55 km Tunnelstrecken in den Stuttgarter Untergrund und in die Berge gehauen, damit alle Reisenden geschwind unter der Stadt durchfahren können, oben bleiben die Stuttgarter unter sich. Man muss sich das mal so richtig vor Augen führen, Stuttgart mit seiner phantastischen topographischen Lage verbannt den Hauptreiseverkehr unter die Erde. Die Reisenden werden kommen, den Bahnhof als tolles Zeugnis schwäbischer Ingenieurskunst loben und preisen und unten wieder einsteigen – wenn sie überhaupt noch aussteigen – und weiterfahren. Stuttgart ist eine Stadt zum Hinfahren und zum Aussteigen, Es ist nur auf der Strecke von Paris nach Budapest eine Durchgangsstation und für deren Reisenden wollten die Stuttgarter bestimmt nicht ihren Bahnhof eingraben. Eine Bahnhofshalle zum Ankommen, zum Hineinlaufen in die Stadt, die Stadt Stuttgart als Magnet für die Reisenden! Das wärs gewesen. Ein perfekter Reiseszenario für den Nah- und Fernverkehr verbunden mit einer autofreien Innenstadt. Kostenloser Bue- oder Tramverkehr im Bereich eines Innenstadtringes. Der (oft leere) X1 zwischen Bad Cannstatt und der Innenstadt ist ja schon ein gute Anfang.

Kommt man wie heute abend aus den provisorischen Verbindungstunnels zu den Gleisen, herrscht dort solch ein dichtes Treiben, sodass man schon mal einen Vorgeschmack auf die Enge des unterirdischen Haltepunktes bekommt. Aber noch stehen auf mehr als 7 der 16 Gleise je ein Zug. Man kann gemächlich einsteigen und dann geht die Reise los. Ein letzter Eindruck vom Kopfbahnhof, wo die Züge in er Regel auf die Reisenden warten, um sie mitzunehmen, und nicht die Reisenden prinzipiell an den Gleisen warten müssen, wann denn endlich der ICE einrollen wird. Aber wahrscheinlich mit umgekehrter Wagenreihung, was auch den Verantwortlichen demonstrieren wird, dass die Bahnsteige zu eng, zu schmal ausgelegt sind. Wenn die Reisenden drin sind, muss die Lok sich mächtig anstrengen, um die vielen vollen Wagen durch den Tunnel bergauf auf die Fildern oder zum Flughafen ziehen. Und wenn die Lok auf einmal im Dunkeln nicht mehr mag? Warum müssen wir durch den Berg dadrinnen bergauf fahren, fragen sich dann die Fahrgäste, während dann wieder einmal das ganze System S21 zum Erliegen kommen wird.

Richard Sennett hat ein wunderbares Buch mit dem Titel „Der Terror der Intimität und der Tod der Öffentlichkeit“ geschrieben. #S21 demonstriert hier den englischen Titel des Buches „The Fall of Public Man“, weil hier im und um den Bahnhof herum wie auch im Schlossgarten der öffentliche Raum als Ort der Begegnung vernichtet worden ist. Der Zerstörung des Schlossgartens und das ganze System #S21 wird geschickt durch eine Volksbefragung als gedeckt interpretiert, was aber immer noch ein brandgefährliches Spiel mit der Demokratie ist. Man lockte die Bürger mit äußerst fadenscheinigen Versprechungen – 4,8 Milliarden EURO ganz bestimmt nicht mehr – an die Urnen, um sich ihr Placet zu sichern. Dann wird gebaut mit Baukostensummen nach oben offen und der Rest der Republik fragt sich, wo und warum die Stuttgarter sich das Recht hernehmen, auf Kosten der Republik ihren Hauptbahnhof einzugraben.

Wie konnte das passieren? Wie konnte es Ingenieuren in den Sinn kommen, ein total veraltetes Konzept in die tat umzusetzen? Als Erklärung bleibt nur noch die Vermutung, die Ingenieure wollten ihr Knohow mal so richtig vorführen. Es gab ja mal ein Plakat mit 21 Gründen für S21, das ist aber überall entsorgt worden, weil nichts mehr davon stimmt. Die Gründe führten nicht zum Bau. Es war der Kampf zwischen den Gegnern und den Befürwortern, der zum Bau führte. Das Projekt konnte nur gebaut werden, weil die Front der Gegner den Befürwortern in bestimmten Momenten einen Freiraum, ließen, die Proteste als unbegründet zurückzuweisen immer und nur mit dem Hintergedanken, jetzt erst recht, den Gegnern zeigen wir es mal, das wir das schaffen werden. Die Gegner bestanden naturgemäß aus vielen Gruppen, die alle ihre guten Argumente gegen den Bau hatten. Die Qualität des Hauptbahnhofs als funktionaler Ort blieb dabei auf der Strecke. Die vielen 21 Gründe für #S21 schmolzen dahin. Zurück blieb nur ein allerletztes Scheinargument, man habe jetzt soviel gebaut, man könne nicht mehr aufhören.

Und so wird gegen jede Vernunft weitergebaut, die tollen und so unnötigen Ingenieursleistungen zu Recht gelobt, Notfallkonzepte werden lieber verschwiegen, Brandschutz wird lieber stillgeschwiegen und muss zur Einsicht vor Gericht erkämpft werden, der Streit über Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bau des Flughafen werden nur noch als Zukunftsvisionen gehandelt und kein Wort wird über die möglicherweise horrenden Folgekosten des Systems #S21 verloren.

Es gibt Baustellenbesichtigungen, die gut besucht sind. Schaut man sich aber über die letzten Jahre die Zeitungsartikel der Stuttgarter-Zeitungen zum Thema S21 an, sind es in der Summe die negativen Nachrichten, die überwiegen, dazu passt auch, dass die Info-Ausstellung aus dem Turm des Hauptbahnhofs verlagert und verkleinert wird: was man wohl alles zu verbergen hat?  Im November 2019 melden die Stuttgarter Nachrichten, > die Bahn schließe weitere Kostensteigerungen au. Gut nehmen wir das zum Protokoll. Ob dieser Ausschluss stimmt? Es soll bei 8,2 Milliarden bleiben. Das klingt doch eher danach, als ob jemand gesagt habe, bei 10 oder 5 Milliarden würde heute die Reißleine gezogen werden. Man braucht also nur zu erklären, es bleibt bei 8,2 Milliarden und man darf zu Ende bauen. Wer glaubt das eigentlich? Die Befürworter von S21? Und was ist mit der veralteteten Stellwerks- und Sicherungstechnik? Das Zugsicherungssystem ETCS („European Train Control System“) im Regional- und S-Bahn-Verkehr wird für S21 kommen oder nicht? Und wer kennt heute die Kosten für die Flughafenanbindung von S21?

Als Ersatz für diese Vernichtung des öffentlichen Raumes hinter dem Bonatzbau bekommen wir einen Platz (geplant als Straßburger Platz? N’est-ce pas?) mit Riesenbullaugen über dem Tiefbahnhof, der außer der Funktion durchquert zu werden, überhaupt nichts bieten kann. Dieser Platz hat keine Aufenthaltsqualität, sagte Roland Ostertag (1931-2018) kopfschüttelnd, als wir zusammen das Modell betrachteten.

S. auch: Virtueller Rundgang: > Die Ausstellung am Gähkopf von Roland Ostertag.

Hätte man mit 4-6 Milliarden die S-Bahn-modernisiert, Stuttgart wäre zu einer Nachverkehrsmodellstadt geworden, die vielleicht sogar das Autoinnenstadtproblem gelöst hätte. Nun wird Stuttgart einen ultramodernen Bahnhof hinter und unter dem Bonatzbau bekommen, der für die Instandhaltung späteren Generationen Unsummen auferlegen wird. Das Umfeld des neuen Tiefhaltepunkts wird sein umliegendes Stadtquartier nicht kennen, weil es wie ein Fremdkörper wirken wird. Die Planungs- und Bauzeit des Tiefbahnhofs war und ist so aufregend, dass man den Bürgern nichts über die Anbindung an die den Tiefbahnhof umgebenden Stadtquartiere gesagt hat, braucht man ja auch nicht. In Stuttgart wird künftig unter der Erde gereist. Aber auch heute, wo soviel gebaut worden ist, kann ich mir schlicht nicht vorstellen, wie der Verkehr mit diesen langen ICE-Zügen durch die vielen S21 Tunnel abgewickelt problemlos abgewickelt werden soll.

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