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#S21 oder die Vernichtung des öffentlichen Raums

26. November 2019 von H. Wittmann

Die Halle im Stuttgarter Hauptbahnhof ist nur noch ein fieser Ort zum schnellen Durchqueren, nachdem dort alle Geschäfte und Bistrots geschlossen worden sind. Drei kleine Läden in an der Wand der zugigen Gleishalle sollen sie ersetzen. Viele jahrelangen Einschränkungen müssen die Reisenden hinnehmen. Riesenumwege, viele Unbequemlichkeiten. Die verwaiste Bahnhofshalle zeigt aber besonders gut und in aller Schärfe wie perfide die Reisenden missachtet werden. Der Bahnkunde wird zum Objekt, das man auf lange Wege schicken kann. Die langen Tunnel zwischen der Bahnhofshalle zu den Gleisen sind eine Qual für alle, die nicht so gut zu Fuß sind und ein Ärger für alle, die eben mal schnell in die S-Bahn schlüpfen wollen oder die Tram erreichen müssen. Eine Demonstrantin stand heute an den Gleisen und hält ihr Protestschild in die Höhe.

Alle Geschäfte sind geschlossen. Die Halle hat ihre Funktion als öffentlicher Raum der Begegnung und der Kommunikation verloren. Das trifft auch auf den zerstörten Schlossgarten wie auf den weit entlegenen Parkplatz – jetzt ein Parkhaus als Ersatz für den Platz direkt neben der Bahnhofshalle, zu, der es jetzt so schwer macht, die Lieben vom Bahnhof abzuholen oder bei dem Zug abzuliefern.

Es werden beeindruckende meisterhafte Ingenieurstaten vollbracht, viel Beton in den einstigen Schlossgarten gegossen, mehr als 55 km Tunnelstrecken in den Stuttgarter Untergrund und in die Berge gehauen, damit alle Reisenden geschwind unter der Stadt durchfahren können, oben bleiben die Stuttgarter unter sich.

Kommt man wie heute abend aus den provisorischen Verbindungstunnels zu den Gleisen, herrscht dort solch ein dichtes Treiben, sodass man schon mal einen Vorgeschmack auf die Enge des unterirdischen Haltepunktes bekommt. Aber noch stehen auf mehr als 7 der 16 Gleise je ein Zug. Man kann gemächlich einsteigen und dann geht die Reise los. Ein letzter Eindruck vom Kopfbahnhof, wo die Züge in er Regel auf die Reisenden warten, um sie mitzunehmen, und nicht die Reisenden prinzipiell an den Gleisen warten müssen, wann denn endlich der ICE einrollen wird. Aber wahrscheinlich mit umgekehrter Wagenreihung, was auch den Verantwortlichen demonstrieren wird, dass die Bahnsteige zu eng, zu schmal ausgelegt sind. Wenn die Reisenden drin sind, muss die Lok sich mächtig anstrengen, um die vielen vollen Wagen durch den Tunnel bergauf auf die Fildern oder zum Flughafen ziehen. Und wenn die Lok auf einmal im Dunkeln nicht mehr mag? Warum müssen wir durch den Berg bergauf fahren, fragen sich dann die Fahrgäste, während dann wieder einmal das ganze System S21 zum Erliegen kommen wird.

Richard Sennett hat ein wunderbares Buch mit dem Titel „Der Terror der Intimität und der Tod der Öffentlichkeit“ geschrieben. #S21 demonstriert hier den englischen Titel des Buches „The Fall of Public Man“, weil hier im und um den Bahnhof herum wie auch im Schlossgarten der öffentliche Raum als Ort der Begegnung vernichtet worden ist. Der Zerstörung des Schlossgartens und das ganze System #S21 wird durch eine Volksbefragung als gedeckt interpretiert, was aber immer noch ein brandgefährliches Spiel mit der Demokratie ist. Man lockte die Bürger mit äußerst fadenscheinigen Versprechungen an die Urnen, um sich ihr Placet zu sichern. Dann wird gebaut mit Baukostensummen nach oben offen und der Rest der Republik fragt sich, wo die Stuttgarter sich das Recht hernehmen, auf Kosten der Republik ihren Hauptbahnhof einzugraben.

Das Projekt konnte nur gebaut werden, weil die Front der Gegner den Befürwortern in bestimmten Momenten einen Freiraum, ließen, die Proteste als unbegründet zurückzuweisen immer mit dem Hintergedanken, jetzt erst recht. Die Qualität des Hauptbahnhofs als funktionaler Ort blieb dabei auf der Strecke. Die vielen 21 Gründe für #S21 schmolzen dahin. Zurück blieb nur ein allerletztes Argument, man habe jetzt soviel gebaut, man könne nicht mehr aufhören.

Und so wird gegen jede Vernunft weitergebaut, die tollen und so unnötigen Ingenieursleistungen gelobt, Notfallkonzepte werden lieber verschwiegen, der Streit über Planung, Genehmigung, Finanzierung und Bau des Flughafen wird nur noch als Zukunftsvisionen gehandelt und kein Wort wird über die möglicherweise horrende Folgekosten des Systems #S21 verloren.

Als Ersatz für diese Vernichtung des öffentlichen Raumes bekommen wir einen Platz mit Riesenbullaugen über dem Tiefbahnhof, der außer der Funktion durchquert zu werden, nichts bieten kann. Dieser Platz hat keine Aufenthaltsqualität, sagte Roland Ostertag kopfschüttelnd, als wir zusammen das Modell betrachtete

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