Skulpturale Fassaden

Als Gastautor auf diesem Blog erzählt Peter Czerwinski mit 20 Fotos von seinen Spaziergängen durch Stuttgart und den wunderbaren Fassaden in dieser Stadt.

Stuttgart als ‚Vorort der Moderne‘ ist ein Allgemeinplatz: wer kennt nicht die Weißenhofsiedlung!

Im Hintergrund bleibt dabei, daß Stuttgart auch – oder sogar ‚eigentlich‘ – eine Stadt des späten 19. Jahrhunderts ist: ihr Bestand an Häusern aus dieser Zeit macht staunen. Ganze Straßenzüge, ganze Stadtteile sind nahezu vollständig erhalten. Prächtige Fassaden reihen sich lückenlos etwa in der Reinsburgstraße, der Augustenstraße, der Gutenbergstraße, der Olgastraße, der Alexanderstraße …. (Am schönsten aber sind die Häuser in der Mörikestraße!).

20 Fotos

Doch für solche – wohl singuläre – Skulpturalität der Fassaden des 19. Jahrhundert reichen die gängigen ‚Erklärungen‘ nicht hin: der Bürger habe geprotzt, um zu verdecken, daß er nichts war und nichts hatte außer Geld, daß er über keine eigene Lebensform verfügte. Etwa wurden die ‚eigentlich‘ großzügigen Räume mit Möbeln und irgendwelchem Plunder zugestopft (‚Makartstil‘), und eben solcher ‚horror vacui‘, solche Angst vor der Leere habe auch die überbordenden Fassaden hervorgebracht.
Für diese Erklärung scheint zu sprechen, daß die Skulpturalität der Häuser des späten 19. Jahrhunderts ausnahmslos Nachahmung war, zu keinem eigenen Stil fand. Sie kopierte die Antike, die Romanik, die Gotik, die Renaissance, den Barock, selbst noch den Klassizismus, vereinte nicht selten an einem Bau mehrere dieser Anleihen:
„Im Skulpturenprogramm der Fassade trat das Bildungswissen des Bürgers von Innen nach Außen. Was die Fürsten im Park aufstellten, antike Götter und Heroen, stellten die Bürger der Straße zur Schau – ein Beleg dafür, dass auf der Straße der Großstadt das Schauspiel des Bürgertums abläuft.“
(Hannelore Schlaffer).
Doch nicht die Angst vor der Leere wehrten die Ornamente mit ihrem Willen zu einer – contradictio in adjecto – ‚überbordenden Ordnung‘ ab, sondern das Gegenteil, die Angst vor der Masse: entfernt man die Ornamente (das ist bei Renovierungen in den armen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht selten geschehen), wird aus den würdevollen Bauten eine Fabrik- und Kasernenarchitektur wie in den Randzonen der Städte. (Tatsächlich sind die meisten Bauten des späten 19. Jahrhunderts Mietshäuser.) Mit dem Schmuck der Fassaden „wird eine Unterscheidung zwischen Industrie [aus der der Reichtum des Bürgers kommt] und Privatheit signalisiert. Die Wirtschaft hat einem Leben zu dienen, das mehr ist als nur Warenproduktion, nur Zweck und Mechanik. Im Ornament stellt sich das Surplus zur Schau. Das ist nicht einfach geprotzt, das ist der Versuch, mit einer ‚Belle Epoque‘ eine scheinbar noch massive Sinnlichkeit vor der Ware, der universalen Grundlage bürgerlicher Gesellschaften, und vor ihrer endgültig sekundären, scheinhaften Sinnlichkeit, ihrem Talmi zu retten.“.
Doch die Abwehr der Masse verwickelt sich in einen Widerspruch, denn die Gründerzeitbauten sind keine einzelnen Paläste mehr:
„Fassade ist ein doppeldeutiges Wort, meint Schein so gut wie repräsentatives Ansehen. Aber um Repräsentation kann es nicht mehr gehen, wenn so viele Häuser Reichtum zeigen. Was wir nach den Zerstörungen der beiden Kriege andächtig meinen bewahren zu müssen, weil es nur noch Reste davon gibt, das war in den Städten straßenzügeweise vorhanden. Wer käme auf die Idee, die Mietpaläste in Paris zu photografieren, sieht doch – mehr oder weniger – einer wie der andere aus.“
Die Bilder sollen keine Dokumentation sein (deshalb wird auf die genaue Bezeichnung der Häuser verzichtet), sondern einen Stil demonstrieren, die besondere ‚Skulpturalität‘ der Fassaden des späten 19. Jahrhunderts.

pc@peterczerwinski.de

Alles für das Auto: Die Paulinenbrücke

Wie bereits mehrmals auf diesem Blog angemerkt, ist es doch bedauerlich, dass dort wo am Bauzaun steht „Stuttgart wächst zusammen,“ genau das Gegenteil geschieht. Von oben wird offenkundig, dass die > Paulinenbrücke auch künftig als großes Bollwerk das neue Geber vom neuen Caleido trennen wird. > Einkaufszentren scheren sich nicht um ihre Umgebung, sie wollen nur die Käufer anlocken und möglichst lange bei sich behalten. Da ist eine gute Anbindung an das umgebende Stadtviertel nur hinderlich.

Aufgenommen vom Fernsehturm aus. Mit einem Klick kann dieses Foto vergrößert werden. (c) Heiner Wittmann, 2012.

> Einkaufszentren: Die Hölle für den Bürger

> Eine neues Stadtquartier oder eine Insellösung?
> Stadtreparatur (IV): Die Paulinenbrücke: Eine Brücke als Parkhausdach?
> Stadtreparatur (V): Der Österreichische Platz

Eine neues Stadtquartier oder eine Insellösung?

Heute schippen, morgen shoppen, lautet das Motto für die Baugrube des künfigen Gerber-Viertel. Vielleicht kann Stadtteilsanierung nur so vor sich gehen, Abriss und Neubau. Aber man darf doch mal nach dem Konzept fragen. Die Baugrube hat riesige Ausmaße. Ein Shopping-Center und Wohnungen werden dem Passanten versprochen und auf dem Bauzaun sieht man auch das Versprechen, Stuttgart wachse hier zusammen. Werfen wir mal einen Blick in die Baugrube. Da muss man sich schon kräftig recken, denn nur an wenigen Stellen erlaubt der Bauzaun einen Blick auf das Geschehen, ganz so, als wenn in einigen Monaten das herauswachsenden Einkaufszentrum uns alle überraschen will:

Im Hintergrund sieht man die Barriere, die dieses Baugrundstück vom Nachbarstück abriegelt: die Paulinenbrücke ist für Fußgänger unüberquerbar:

Vielleicht entsteht unter der > Paulinenbrücke eine Parklandschaft, die für Fußgänger den Übergang zum Caleido angenehm verschönt? Vielleicht will der Bauherr des Caleido auch nur alle Kunden in seinem Einkaufszentrum behalten und ist deshalb so froh dass die überdimensionierte Panzersperre Paulinenbrücke nun wie für die Ewigkeit gebaut erscheint, wie er auch dankbar ist, dass die Brücke nicht abgerissen wurde. Alles für das Auto und für die Fußgänger das Einkaufszentrum. Der Bedarf für die gigantischen Schopping-Zentren zu beiden Seiten der City, hier das Gerber, dort S21, orientiert sich nicht an einer Konzeption für die Stuttgarter Innenstadt, die kann sehen wo sie bleibt – nochmal als Wiederholung -,

sondern nur und ausschließlich an den Regaldrehzeiten. Wer ein Fachgeschäft in der City hat, muss doch an dieser Stadt verzweifeln. Natürlich ist alles vorher diskutiert worden und die Gremien haben beraten. Es wurde auch viel gewarnt und gelobt: > Georg Franck, Die urbane Allmende. Eine Pflichtlektüre für die Stuttgarter Aber mit Bauprojekten ist es immer so. Erst wenn sie aus dem Boden wachsen, kann man sich wirklich vorstellen, was da passiert. Pläne und schöne Skizzen regen die Phantasie der Bürger nicht so sehr an. Hätte die Stadt in der City ein Modell in repräsentativer Lage, auf dem die Neubauten und ihr Zusammenhang im Rahmen einer Ausstellung visualisiert würden, käme vielleicht in der Stadt endlich eine öffentliche Diskussion über die Stadtentwicklung im größeren Maßstab in Gange. Derweilen bleibt nur der Gang zur Ausstellung im Gäkopf.

Unverrückbar wird die Paulinenbrücke zwischen Caleido und Gerber eingemauert:


Österreichischer Platz, © Manfred Storck. Mehr Luftbilder: Kissinger Straße 60, 70372 Stuttgart. E-Mail: storck.manfred@t-online.de.

Ganz so als wenn nur die Autos mit großen Kofferräumen zum Shopping-Cener fahren sollen. Eine Reparatur der – man kann sagen – drei Stadtquartiere, die die Stadtautobahn trennt, findet nicht statt. Man hat sich für die schnellste Lösung zugunsten des Kommerzes aber nicht zugunsten der Stadtqualität entschieden.

Roller Derby:
Schweden gewinnt mit 115 : 98 gegen Stuttgart

Die Scharrena in Stuttgart-Bad Cannstatt war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Stuttgart Valley Rollergirlz traten gegen die Stockholm Roller Derby Girls an. Schnell führt die Stockholmer. Nach der Halbzeit wechselte die Führung immer wieder zwischen den Stockholmerinnen und den Heimspielerinnen. Dann aber ging es ins Finale und die Stockholm Roller Derby Girls siegten mit 17 Punkten Vorsprung. Das Anfeuern der Fans auf den Rängen waren noch lauter als Geschwindigkeit auf dem Hallenboden. So ein irrer Auftritt. Ende April gibt es den nächsten Wettbewerb in der Scharrena. – Der Film zum Ereignis folgt morgen.

> Stockholm Roller Derby Girls
> Stuttgart Valley Rollergirlz

Skandale, Fotos, die Medien und die Politik

Es ist geradezu erstaunlich, dass viele unserer Medien immer sofort das richtige Bild zur aktuellen Meldung präsentieren können. Gerät der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin oder jeder andere Politiker in Schwierigkeiten wird die Meldung in vielen Medien, besonders online und oft auf der Website eines bekannten Hamburger Magazins, sofort durch das entsprechende passende Foto begleitet. Hat die Hauptperson der Meldung politische oder private Schwierigkeiten, so scheint das Begleitfoto genau in dem Moment aufgenommen zu sein, in dem auch der Vorgang, über den die Meldung entstand, sich abgespielt hat (Manchmal wird aber auch ganz seriös das > Datum des Fotos angegeben.): Herunterhängende Mundwinkel, ein etwas mürrisches Gesicht, ein vom Fotografen abgewendeter Blick, > Fast-Umarmungen, > zerknirschte Miene, > ein blasses Gesicht (Hier passt das Bild zeitlich zum Ereignis: gleiche Krawatte?), > schlechte Karten, > hinter dem Rücken über andere sprechen, ein fröhlicher Gesichtsausdruck, kurzum, das Begleitfoto übernimmt oft mehr als die Hälfte der Botschaft, die der Artikel, in dem sie berichtet wird, übermitteln will oder kann. Und genau in diesem Verhältnis liegt die manipulative Versuchung. Ohne das Foto muss der Leser sich mehr Gedanken machen, er muss abwägen, woanders nachlesen, um sich ein Bild zu machen. Ist ein Begleitfoto als Aufhänger für den Artikel vorhanden, wird die Interpretation oft vorgegeben. Manchmal enthält der Artikel dann noch einen versteckten Hinweis darauf, es könnte auch anders sein… Aber der durch das Bild intendierte Versuch, die Meinung zu beeinflussen ist dann schon beim Leser mehr oder weniger erfolgreich verankert. Nichts gegen Fotos. Sie können und sollen auch ein Beitrag guter Bildjournalisten für die Aufbereitung und Übermittlung einer Nachricht sein. Nur darf man nicht vergessen, dass zuweilen Archivbilder die Intention des Autors und eben nicht die Meldung selbst illustrieren.

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